Markus Welzl, Vizepräsident des Österreichischen Alpenvereins sowie Hütten- und Baureferent der ÖAV‑Sektion Imst-Oberland, spricht im Interview über die aktuellen Entwicklungen im Bergsport, sein langjähriges ehrenamtliches Engagement und die Herausforderungen rund um den Erhalt der alpinen Infrastruktur.
Die Berge sind seit seiner Jugend die große Leidenschaft von Markus Welzl – und sie prägen bis heute sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement. Sein Einsatz gilt dem Schutz und der verantwortungsvollen Nutzung des alpinen Raums sowie der Förderung des Bergsports.
Von 2001 bis 2017 stand Welzl an der Spitze der ÖAV Sektion Imst-Oberland, nachdem er zuvor bereits als stellvertretender Obmann tätig gewesen war. Seit 2017 gehört er weiterhin dem Ausschuss an und betreut dort insbesondere alle Belange rund um die Muttekopfhütte. Aktuell treibt er ein umfassendes Umbauprojekt für die Schutzhütte in den Lechtaler Alpen voran.
Auch auf Bundesebene übernimmt Welzl wichtige Aufgaben: Als Vizepräsident des Österreichischen Alpenvereins verantwortet er den gesamten Bereich Bergsport und fungiert zudem als Schirmherr der „Bergsteigerdörfer“, einer internationalen Initiative für sanften Tourismus und nachhaltige alpine Regionen.
Sein Engagement für die Sicherheit im Gebirge reicht bis ins Jahr 1980 zurück. Seither ist Welzl Mitglied der Bergrettung Tirol und war innerhalb der Ortsstelle Imst unter anderem als stellvertretender Ortsstellenleiter sowie als Einsatzleiter tätig.
Bis zu seiner Pensionierung im September 2024 war Welzl auch beruflich mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut. Bei der Bezirkshauptmannschaft Imst arbeitete er unter anderem in der Förderabwicklung für Neubauten und Wohnhaussanierungen sowie als Amtssachverständiger.
Winterbilanz: Hohe Zahl an Lawinentoten
Im Tal hat sich der Frühling schon breit gemacht. Wie fällt Ihre Bilanz zum vergangenen Winter aus?
Markus Welzl: „Der heurige Winter war sehr prekär und herausfordernd. Der Schneedeckenaufbau war von Beginn an äußerst schlecht, und im Verlauf gab es kaum wesentliche Verbesserungen. Das spiegelt sich leider auch in der hohen Zahl an Lawinentoten wider. Es ist immer tragisch, wenn es um Menschenleben geht.“
Aufgabenbereiche und ehrenamtliches Engagement
Was sind Ihre Aufgaben im Präsidium des Alpenvereins? Und was hat es mit der Initiative der Bergsteigerdörfer auf sich?
Welzl: „Im Präsidium des Österreichischen Alpenvereins arbeiten insgesamt sieben Personen – der Präsident und sechs weitere Mitglieder. Die Aufgabenbereiche sind klar verteilt. Neben dem Bereich Bergsport bin ich auch für die Bergsteigerdörfer zuständig. Diese Initiative wird von den Alpenvereinen aus Österreich, Deutschland, Südtirol, Italien, Slowenien und der Schweiz getragen. Sie ist ein Umsetzungsprojekt der Alpenkonvention*. Ich bin Vorsitzender der internationalen Steuerungsgruppe.
Derzeit sind mehr als 40 Dörfer und Regionen im gesamten Alpenraum als Bergsteigerdörfer ausgezeichnet, darunter auch Vent im Bezirk Imst. Im Mittelpunkt steht ein sanfter, naturverträglicher Tourismus ohne technische Erschließung. Es geht nicht um Masse, sondern um Nachhaltigkeit – unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und regionaler Produkte. Wir sollen mit dem wirtschaften, was vorhanden ist. Es gibt viele gute Beispiele, wie das gelingen kann.“
Was motiviert Sie persönlich zu Ihrem langjährigen ehrenamtlichen Engagement?
Welzl: „Meine ehrenamtlichen Aufgaben und der Kontakt mit Menschen mit unterschiedlichsten Interessen geben mir sehr viel. Es ist interessant, bereichernd und ich möchte es nicht missen. Daher habe ich auch keinen Pensionsschock. Jetzt kann ich vieles etwas ruhiger angehen, was natürlich angenehm ist.“
Thema Bergsport
Immer wieder gibt es Konflikte auf Wegen, etwa zwischen Wanderern und Mountainbikern. Wie kann man diese entschärfen?
Welzl: „Mountainbiken ist nach dem Wandern die zweitbeliebteste Sportart unter den Alpenvereinsmitgliedern. In Österreich gibt es jedoch häufig Konflikte, weil die gegenseitige Akzeptanz fehlt. Jeder pocht auf seine eigenen Interessen. In anderen Alpenländern wird das deutlich unkomplizierter gehandhabt. Ein gutes Miteinander wäre problemlos möglich – und es würde niemandem schaden.“
Der Erhalt der alpinen Infrastruktur (Wege und Schutzhütten) wird zunehmend herausfordernd.
Herausforderungen für den Erhalt der alpinen Infrastruktur
Der Erhalt der alpinen Infrastruktur (Hütten und Wege) wird zunehmend herausfordernd. Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Welzl: „In unseren Breiten gibt es viele alpine Schutzhütten zu erhalten – ebenso das zugehörige Wegenetz. Die Aufbringung der dafür notwendigen finanziellen Mittel wird jedoch immer anspruchsvoller. Mit der Muttekopfhütte habe ich in diesem Bereich seit 30 Jahren Erfahrung.“
Zuletzt war in Österreich von einem notwendigen Investitionsvolumen von 95 Millionen Euro für den Erhalt der alpinen Infrastruktur (Schutzhütten und alpines Wegenetz) die Rede. Woher stammt diese Zahl?
Welzl: „Diese Zahl wirkt auf den ersten Blick erschreckend, ist aber fundiert. Sie basiert auf detaillierten Datenerhebungen der hüttenbesitzenden Sektionen und umfasst die Schutzhütten und das gesamte alpine Wegenetz. Auch wir in der Sektion haben entsprechende Erhebungen durchgeführt.
Der Klimawandel mit all seinen Auswirkungen setzt dem Wegenetz erheblich zu, weshalb der Erhalt zunehmend kostspielig und anspruchsvoll wird. Ohne Wege gibt es keine Hütten – und gerade in Tirol ist die Wege- und Hütteninfrastruktur auch touristisch von großer Bedeutung. Wir Ehrenamtliche investieren viel Zeit in die Wegerhaltung, doch die Aufgaben werden immer umfangreicher, während die finanziellen Mittel begrenzt sind. Deshalb auch der klare Hilferuf an die Politik.“
Gibt es Unterschiede zwischen den Sektionen in Österreich?
Welzl: „Der Hüttenbestand ist oft zwischen 100 und 150 Jahren alt. Die Muttekopfhütte wurde in ihrer heutigen Form im Jahr 1892 errichtet – also vor über 130 Jahren. Der Großteil der alpinen Schutzhütten in Österreich steht vor umfassenden Sanierungen. Neben dem Erhalt, der für die Sektionen eine große Belastung darstellt, erschweren auch behördliche Auflagen – etwa im Brandschutz – die Situation zunehmend. Es macht einen deutlichen Unterschied, ob man in der Stadt oder auf 2.500 Metern Seehöhe baut. Die Umsetzung ist dort wesentlich komplexer und erheblich kostspieliger: Bauen am Berg ist rund doppelt so teuer wie im Tal.
Zudem gibt es Sektionen mit wenigen Mitgliedern und gleichzeitig vielen Hütten. Für viele dieser Sektionen ist es mit den verfügbaren Ehrenamtlichen kaum mehr zu bewältigen.“
Wie sieht es mit Förderungen in diesem Bereich aus?
Welzl: „Die Herausforderungen sind vielschichtig. Im Hauptverein bin ich auch im Hütten- und Wegeausschuss tätig, der für die Beurteilung der Beihilfenvergabe zuständig ist. Es stehen schlicht zu wenig Mittel zur Verfügung, um alle Förderansuchen der Sektionen in ausreichender Höhe zu bedienen. Wir können lediglich versuchen, die finanzielle Last etwas abzufedern. Mehr als 50 Prozent der Kosten müssen die Sektionen aber immer selbst aufbringen.
Hinzu kommt, dass Fremdfinanzierungen über Banken zunehmend schwieriger zu erhalten sind. Auch in diesem Bereich haben sich die Vorschriften stark verändert.“
Die Muttekopfhütte der ÖAV-Sektion Imst-Oberland wird umgebaut.
Hütten-Führung und Herausforderungen für Sektionen
Welche Faktoren müssen Sektionen bei der Führung einer Hütte besonders beachten?
Welzl: „Bei Hütten stellt sich immer die Frage nach Standort und Zielgruppe. Tagesgäste haben andere Bedürfnisse als Nächtigungs- oder Seminargruppen. Nicht jede Sektion ist in der glücklichen Lage so eine gut geführte und stark frequentierte Hütte mit 54 Schlafplätzen wie wir zu haben. Zwischen Ende Mai und Anfang Oktober verzeichnen wir 4.000 bis 4.500 Nächtigungen. Das schafft Einnahmen.
Als Umweltgütesiegel-Hütte setzen wir zudem auf Nachhaltigkeit: sparsamer Umgang mit Wasser und Energie, Duschen gegen Gebühr und Verwendung regionaler Produkte. Die Anliegen der Sektion und des Pächters werden abgestimmt und es braucht ein gutes Miteinander.
Bei vielen Gästen fehlt aber oft die Einsicht und wir müssen es ihnen bewusst machen, was es logistisch bedeutet eine Hütte auf knapp 2.000 Metern zu bewirtschaften. Wir sind hier am Berg, wo alles mühsam hinauf- und wieder hinabgebracht werden muss.“
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen innerhalb des Alpenvereins?
Welzl: „Die Tätigkeit im Hauptverein und in der Sektion ist spannend, aber man muss das eigene Tun stets hinterfragen. Man kann nicht immer nur nach mehr Geld rufen – auch einnahmen- und ausgabenseitig muss alles abgewogen werden. Wir brauchen flexible Systeme, weil die Voraussetzungen in den einzelnen Sektionen sehr unterschiedlich sind. Im Westen herrschen andere Bedingungen als im Osten, und hier müssen wir einen sinnvollen Ausgleich schaffen.
Wichtig ist zudem ein gutes Einvernehmen mit allen Stakeholdern: Grundbesitzern, der Agrargemeinschaft, der Jagd und dem Tourismus. Die Interessen sind nicht immer deckungsgleich, aber es gilt, gemeinsame Wege zu finden. Die Pflege des Wegenetzes und der Infrastruktur liegt in der Verantwortung der Sektionen und der jeweiligen Lebensraumpartner.
Daher mein Appell an alle Sektionen: Sucht ein vernünftiges Einvernehmen mit allen Beteiligten – und bei Differenzen braucht es Geduld und die Bereitschaft, diese auszuhuangarten. Egoismus und mangelndes Zuhören sind verheerend und sicher nicht zum Wohle der Allgemeinheit.“
Umbauprojekt bei der Muttekopfhütte
Aktuell steht der Umbau der Muttekopfhütte an. Was genau ist geplant?
Welzl: „Das Nah- und Ruhegebiet rund um die Muttekopfhütte ist für die Stadt und die gesamte Region von großer Bedeutung – auch wenn es zeitweise sehr stark frequentiert wird. Für viele Imsterinnen und Imster ist die Muttekopf ‚ihre Hütte‘, und auch die Einheimischen aus dem weiteren Umfeld haben einen starken Bezug dazu. Daher macht es Sinn und auch Freude, diese Hütte zu erhalten. In ihr steckt viel Herzblut der Menschen.
Die Hütte wurde zuletzt 2004 saniert. Bei solchen Objekten sind alle 20 bis 30 Jahre größere Eingriffe notwendig. Nun wird unter anderem die Materialseilbahn erneuert. Zudem entspricht der Seminarraum im Keller nicht mehr den heutigen Anforderungen. Auf dem Platz der bisherigen Bergstation der Materialseilbahn entsteht deshalb ein neuer Seminarraum. Die Hütte wird intensiv für Ausbildungen genutzt, und die Umgebung bietet ideale Voraussetzungen dafür – die Infrastruktur muss das Widerspiegeln.
Seit dem letzten großen Umbau vor über 20 Jahren wurde das gesamte Angebot auf breitere Füße gestellt, etwa durch die Sanierung des Klettergebietes. Die Auslastung unter der Woche ist sehr gut, und die Investitionen haben sich klar bewährt. Die Nächtigungen kommen der Sektion zugute, während die Konsumation dem Wirt zufällt.“
Wie hoch sind die Projektkosten und bis wann soll alles umgesetzt sein?
Welzl: „Das Umbauprojekt soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Die Kosten belaufen sich auf rund 1,8 Millionen Euro netto. Gefördert wird das Projekt durch EU und Bundesmittel, einen Teil übernimmt der Alpenverein. Der restliche Betrag wird über Eigenmittel der Sektion und über Fremdfinanzierung aufgebracht. Das Darlehen müssen wir anschließend mit den erwirtschafteten Einnahmen aus der Hütte bedienen.
Wir haben ein sehr gutes Team in der Sektion und die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt. Ich werde das Projekt noch zu Ende begleiten und danach habe ich geplant, meine Funktion als Hüttenreferent in jüngere Hände zu legen.“
Danke für das Gespräch.

*Alpenkonvention: Die Alpenkonvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen zum Ziel hat. Neben den acht Alpenstaaten (Österreich, Italien, Schweiz, Frankreich, Deutschland, Slowenien, Liechtenstein und Monaco) hat auch die Europäische Union die Rahmenkonvention unterzeichnet und ratifiziert. Die verschiedenen Protokolle der Alpenkonvention (z.B. Berglandwirtschaft, Naturschutz- und Landschaftspflege, Tourismus oder Verkehr) enthalten spezifische Maßnahmen zur Umsetzung der in der Rahmenkonvention festgelegten Grundsätze.